98elf und ihr Gründungsmythos
„Können wir das nicht besser?” Tja, die deutsche Nationalelf hatte in den 90er Jahren offensichtlich schon ihren Anteil daran, dass sich einige in die Jahre gekommene Zampanos in Hobbymannschaften organisierten, um dem berühmt-berüchtigten „Rumpelfußball” neue bzw. alte Spielkultur entgegen zu setzen. So auch im Falle von 98elf. Die im Namen mehr oder minder versteckte Jahreszahl deutet bereits darauf hin, dass die WM in Frankreich, genauer gesagt Berti Vogts und Konsorten, irgendetwas mit der Gründung der Mannschaft aus dem Stuttgarter Westen zu tun haben könnten. Vermutlich waren es Bierhoffs Füße aus Malta, die ein kleines Grüppchen von ungefähr acht Ballzauberern dazu bewog, die Idee von 98elf in die Tat umzusetzen. So traf man sich anfangs am Stuttgarter Fernsehturm. Die Spielfreude erhielt jedoch jede Woche durch die ständige Platzsuche einen Dämpfer. Also entschloss man sich dazu, sich einen festen Platz zu suchen. Fündig wurde man schließlich mit dem Kunstrasenfeld in Botnang beim ASV. Heute besteht die Mannschaft von 98elf aus einem Stamm von etwa 30 Spielern im Alter zwischen 25 und 41, zusammengewürfelt aus Studenten, Handwerkern, Pädagogen, Angestellten und Lebenskünstlern. Donnerstags trifft man sich am Waldheim Raichberg an der Waldebene Ost und vor sowie vor allem nach dem Training im Café SOHO in der Schwabstraße. Den ersten Stiefel gibt’s umsonst. Mittlerweile trägt das schwarz-rote Trikot den Schriftzug des Café Meisters auf der Brust.
Orange ist nicht grün: Biddy Early's
Wenn wir es schon Berti Vogts zu verdanken haben, dass es 98elf heute gibt, stellt sich die Frage: War Bundes-Berti nicht auch schon einmal Trainer von Irland? Ne, das war Schottland! Egal, bei der Stadtliga sind auch die Iren vertreten, nämlich mit dem Biddy Early’s. Der gleichnamige Irish Pub in der Marienstraße im Stuttgarter Zentrum ist über die Region hinaus bekannt. Wie Irish Pubs halt mal so sind. Will man etwas über die Iren erfahren oder sie gar besser verstehen, geht man in einen solchen Pub – oder spielt mit ihnen Fußball. Manch Beobachter will in den orangefarbenen Trikots des Biddy Early’s ein klares Bekenntnis zur protestantischen Seite erkennen, St. Patrick’s Day lässt grüßen... wohl unmissverständlich. Eine Truppe voll Charakter und Charaktere. Wohlfühlen inbegriffen. So sind sie eben, die Iren.
Wenn gearbeitet wird, dann gegen den Ball: ASV
Der ASV Arbeiterinnen- und Arbeitersportverein Filderstadt e.V., kurz ASV, ist ein eingetragener Verein mit eigener Vereinssatzung. Gegründet wurde er einst von Arbeitern und Arbeitslosen. Heute ist der ASV eine Truppe von Hobby-Fußballern zwischen 25 und 50 Jahren, die sich immer montags abends ab 20 Uhr auf dem Sportplatz des SV Hoffeld auf dem Sportgelände „Hohe Eiche” in Stuttgart-Hoffeld zum Trainingskick trifft. Gespielt wird meistens auf dem Hartplatz. Auch hier steht absolut der Spaß im Zentrum. Das Team ist aus verschiedenen Nationalitäten bunt gemischt. Man spricht zwar bisweilen verschiedene Sprachen, versteht sich aber blind – auf und neben dem Platz. Und sollte es während des Spiels wirklich einmal laut werden, ist hinterher alles nicht so schlimm. Nach dem Training geht’s ins Restaurant Harambe Afrika in Stuttgart-Sonnenberg. Gelb wie die Sonne sind dann auch Wappen wie Trikots.
Dass der ASV besonders taktikgeschult daherkommt, ist kein Geheimnis. Nach eigenen Angaben gewährt das Team den Fans gerne Einblicke in die wohl einzigartige ASV-Taktik. Ein beliebtes Stilmittel des ASV sind lange Bälle. Dabei sind Bälle manchmal auch nicht ganz so lang, wie sie eigentlich hätten werden sollen. Das führt dann oft zu einer sogenannten zu kurzen Abwehr. Gelingt der lange Ball, geht der auf die 60 zugehende Stoßstürmer des ASV steil. In anderen Fällen ist der Ball zumindest lange in der Luft, auch wenn er dann an derselben Stelle wieder runterkommt, von wo aus er geschossen wurde.
Eine andere bevorzugte taktische Ausrichtung hat sich das Team von der einen oder anderen Nationalmannschaft abgeschaut. Der ballführende Spieler des Gegners wird durch geschlossenes Verschieben der gesamten Mannschaft in Richtung des Balles sofort von zwei bis drei Spielern attackiert. So entsteht in Ballnähe stets eine Überzahlsituation. Im Jargon der Fußballintellektuellen nennt man dies „Pressing” oder „gegen den Ball arbeiten”. Der ASV hat dieses System perfektioniert. Oft laufen die ASVler gleich zu siebt auf den Ballführer. Kritiker bemängeln zwar, dass man auf der ballabgewandten Seite „offen wie ein Scheunentor” sei; dabei sind es doch auch die gleichen Laien, die sich immer beschweren, im Fußball würden zu wenig Tore fallen.
Eine der besten taktischen Waffen des ASV ist es, den Gegner am Strafraum alleine zu lassen. Bekommt er dann den Ball, gilt es, möglichst nicht anzugreifen. Dadurch wird der Stürmer so aus dem Konzept gebracht, dass er in der Regel der Fälle über das Gehäuse schießt. Auch vorne stehen zu bleiben, hat sich als taktischer Kniff erwiesen. Auf diese Weise spart man Kraft, denn der nächste Konter kommt bestimmt.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten: One Taste
One Taste heißt ein Internetportal aus Stuttgart und Region, das sich um alle Belange des Nachtlebens in der Landeshauptstadt dreht. Klar, dass man sich nicht lumpen lassen will und eine Mannschaft in der Stadtliga ins Rennen schickt. Zumal die Stadtliga von jeher sozusagen eine Verlängerung des Nachtlebens mit sportlicheren Mitteln war. Eine Saison hat One Taste nun hinter sich gebracht – mit mäßigem Erfolg. Kein Wunder, dass man in die neue Saison als krasser Außenseiter geht. Gerüchten zufolge soll sich das Team heuer jedoch in allen Belangen stark verbessert zeigen. Darauf hofft man zumindest, denn es gilt, einiges gut zu machen. Einen ersten Vorgeschmack bekam die Konkurrenz im erstmals ausgetragenen Kleinfeldturnier zum Saisonauftakt, bei dem One Taste fast sensationell eine Hand an den Pokal bekam, sich erst im Finale dem amtierenden Meister, dem FC Barcode, knapp geschlagen geben musste. Fortschrittlich zeigt sich auch das Logo von One Taste. Nomen est omen, wie der Lateiner sagt. Die Leibchen sind im Übrigen schwarz-weiß-klassisch.
Von Pumas...
Angreifen wollen in dieser Stadtliga-Saison auch wieder die Pumas. Nicht in der Wilhelma, sondern auf dem Spielfeld. Eine Mannschaft hat sich nämlich das Puma als Name sowie als Wappen geschnappt. Um wilde Tiere handelt es sich dabei allerdings weniger, eher um einen Haufen Haudegen im Alte-Herren-Alter, das heißt 35 Jahre und älter. In letzter Zeit haben die Pumas jedoch Nachwuchs bekommen; einige 20- bis 25-Jährige haben den Weg zu den Hobby-Fußballern gefunden, weshalb man sich berechtigte Hoffnungen auf den Titel macht. Bereits im vergangenen Jahr war die Elf ganz nah dran; das Finale wurde schließlich gegen das Barcode-Team in den letzten Spielminuten mit 1:3 verloren. Das schmerzt heute noch. Dennoch war man mit der Leistung sehr zufrieden, insbesondere mit der kämpferischen Einstellung. Diesmal möchte man aber nicht das Nachsehen haben. Erst recht nicht mit dem Puma auf der weißen Brust.
...und blauen Katzen
Ein Puma ist bekanntlich eine große Katze. Dabei hat die Stadliga seit dieser Saison echte Katzen. Na ja, was heißt echt? Jedenfalls sind sie blau. Und kommen aus Frankreich. Daher der Name: Les Chattes Bleues. Einfallsreich irgendwie. Das Bleu-Blanc-Rouge wird vervollständigt durch die roten Stutzen und die weiße Aufschrift auf dem blauen Dress. Auch das Wappen ist eine blaue Katze, wie könnte es anders sein. Schön, nicht? Der Rest bleibt vorerst noch Mysterium; die Franzosen sind das allererste Mal mit von der Partie. Man darf gespannt sein, denn man hört, es handele sich dabei um eine konditionsstarke Rugby-Truppe. Andere hoffen, Eric Cantona spielt mit. Wahrscheinlich ist’s dann doch nur der Anelka.
Fußball-Kultur trägt Rot: Tünnes & Co
Der Rekordmeister der Stadtliga ist die Mannschaft von Tünnes & Co. Benannt nach einem der Gründer, dem Tünnes, ist das Team seit 2001 in der Stadtliga vertreten und hat seitdem bis inklusive 2006 alle Titel abgeräumt, d.h. sechs Mal in Serie. Nachvollziehbar, dass der Name allein schon mittlerweile seinen Untertitel „Fußball-Kultur” erübrigt. Jeder im Freizeitfußball-Metier weiß, dass Tünnes & Co über viele Jahre die schönste Nebensache der Welt zelebriert hat. Eigentlich hatte Tünnes jahrlang so gut wie kein Spiel verloren. Davon zeugen etliche Erfolge im gesamten Bundesland seit der Gründung vor zehn Jahren, 1998. Sei es ein dreifacher Triumph in Vaihingen, der Gewinn der Nellinger Soccernight 1999, des Pfingstturniers der SG West 2002, des Hallenmasters der TUS Stuttgart im Jahr darauf oder der vierfache Coup beim Turnier des TSV Musberg. Nach zwei zweiten Plätzen 1999 und 2000 bei den Baden-Württembergischen Freizeitfußball-Meisterschaften in dem nach Axel Dünnwald-Metzler benannten ADM-Sportpark in Degerloch gelang es Tünnes & Co schließlich im dritten Anlauf 2001, sich gegen 900 Teams aus dem ganzen Land durchzusetzen. Die Titelverteidigung gelang gleich zweimal.
Alle Jahre wieder versuchte ein verwegenes Team mit neuen verwirrenden Taktiken und überraschenden Spielerverpflichtungen, seinen ersten Sieg gegen Tünnes einzufahren. Meist blieb es beim Versuch. Belustigende Randnotiz 2001 war ein Testspiel gegen den im Abstiegskampf der Kreisliga A steckenden TSV Steinenbronn, der sich in einem Freundschaftsspiel das nötige Selbstvertrauen im Kampf um den Klassenerhalt holen wollte. Da der eigentlich vorgesehene Gegner kurzfristig absagte, sprang Tünnes & Co als Stammtischmannschaft sozusagen als willkommener Sparringspartner ein – und gewann am Ende mit 2:1.
Doch der Branchenriese scheint in die Jahre gekommen, die Haare sind grau meliert, die Kondition hat nachgelassen. So scheint eine Wachablösung unabdingbar. Stattgefunden hat sie wohl in der vergangenen Saison, als mit dem FC Barcode der neue Klassenprimus emporschoss und Tünnes im Halbfinale nach Elfmeterschießen an den Pumas scheiterte. Zum ersten Mal seit sechs Jahren hieß nun der Titelträger nicht Tünnes & Co. Ganz auf sich sitzen lassen will man das aber nicht. Es geht ja weiter ums Prestige. Und sozusagen als der große FC Bayern der Stadtliga noch umso mehr. Aber Achtung, laut sagen darf man das nicht. Trotz der roten Hemden. Und es sei hiermit auch schon wieder zurückgenommen, vertritt Tünnes & Co doch das Ackermanns aus dem Stuttgarter Westen. Das gibt’s erst seit 1997, die Verbundenheit zum VfB ist aber bereits um ein Vielfaches älter. Eigentlich sind die Schwaben auch die wahren Roten. Und bei Tünnes ist der weiße Schriftzug des Ackermanns praktisch wie der Brustring.
Was Gold ist, glänzt: FC Barcode
Als der neue Stern am Stadtliga-Himmel scheint seit 2007 der FC Barcode. Nicht umsonst setzt die Mannschaft bislang auf goldene Trikots. Adel verpflichtet, die Initialen auch – FCB. Zufall sagen die einen, cleveres Management die anderen. Als Spielmacher auf der Theodor-Heuss-Straße hat sich die gleichnamige Bar seit zwei Jahren das Ziel gesetzt, auch in der Stadtliga das Zepter zu schwingen. Nach einem durchwachsenen ersten Jahr konnte Teamchef Suni Musa seinen Kader innerhalb kurzer Zeit gezielt verstärken. Der Erfolg im zweiten Jahr, 2007, gab ihm recht. Verdient kam das Barcode-Team letztlich ins Finale, in dem ein 3:1-Triumph gegen die Pumas für den ersten Titel und dementsprechende Feierlichkeiten sorgte.
Aber nach der Stadtliga ist vor der Stadtliga. So feilte Musa ein Mal in der Woche im Training, jeweils mittwochs um 19 Uhr in Feuerbach, weiter an Aufstellung und System, so dass der FC Barcode mittlerweile den besten und offensivsten Fußball in der Stadtliga spielt. Dass die anfänglichen Abwehrprobleme in der Zwischenzeit behoben wurden, zeigte auch das Ligapokalturnier zum Auftakt der Saison. Man kassierte kein einziges Gegentor und konnte sich somit den nächsten Titel ans Revers heften.
Das hat sich natürlich herumgesprochen. Die Anhängerschaft wächst stetig. Leicht bekleidete Damen im Sommer mit FC Barcode-Fanschal sollen keine Seltenheit mehr sein. Das Wappen ist zudem auch wirklich ansprechend. Häuptlingsschmuck sozusagen. Denn nach exakt zwei Jahren ohne Pleite scheint die Barcode-Elf reif für die Titelverteidigung und ist bei den heimlichen Buchmachern der Stadt ebenfalls klarer Favorit.
Der Pott
Wie die Bundesliga, so hat auch die Stadtliga Stuttgart ihre „hässlichste Salatschüssel der Welt”. Die Trophäe, um die die acht Teams kämpfen, ist ein wirkliches Unikum und gleicht fast schon einer Skulptur. Der Sockel wurde in Handarbeit aus alten Vergaserrohren zusammengeschweißt, die gusseiserne Schüssel oben drauf verleiht dem Pott absoluten Kultcharakter. Klar, so ein Ding will jede Mannschaft auf der Theke stehen haben – ohne zur Konkurrenz zu gehen.














