Breuckmann bei Halbmond

Thorsten Gohl | 16. Juni 2008 | 0 Kommentare
„Der Döner ist noch nicht gegessen.” Manni Breuckmanns Wort in unserem Ohr. Es beginnt die Schlussphase des alles entscheidenden Spiels um den Einzug ins Viertelfinale der EM 2008 zwischen Tschechien und der Türkei. Es steht 2:1 für die Tschechen. Wir sind auf dem Weg nach Wien zu unserem kleinen EM-Studio. Die Autobahn ist leer, fast einsam. Gebannt lauschen wir dem Radio und werden Zeuge einer jetzt schon legendären Reportage eines jetzt schon legendären Spiels.

Es ist dunkel da draußen. Der Nachthimmel schimmert rötlich. Die Uhr im Armaturenbrett zeigt in etwa zwanzig nach zehn, als Manni Breuckmann sich wieder zu Wort meldet. Im letzten Spiel der Gruppe B treffen mit der Türkei und Tschechien zwei punkt- und torgleiche Teams aufeinander; sie kämpfen im direkten Duell um den Einzug in die Runde der letzten Acht. Und es läuft die 76. Minute: Der Türke Arda hat vor wenigen Minuten den Treffer zum 1:2-Anschluss erzielt, nachdem es in den ersten 60 Minuten der Partie nach einer klaren Angelegenheit zugunsten der Elf von Trainer Karel Brückner ausgesehen hatte. Eine schwache erste Halbzeit der Türken und ein Konter der nach dem Seitenwechsel abwartender agierenden Tschechen hatten schon für einen sicher geglaubten Vorsprung gesorgt. Nun wird es plötzlich wieder spannend: „Nur noch 2:1. Es ist Arda. Arda mit einem Flachschuss von der Strafraumgrenze.”

Die Vorzeichen sind klar: Sollte die Mannschaft von Fatih Terim tatsächlich noch den Ausgleich schaffen, würde Europameisterschaftsgeschichte geschrieben. Dann nämlich müsste ein sofortiges Elfmeterschießen über den Einzug ins Viertelfinale entscheiden. Breuckmann beginnt zu wittern. Nicht umsonst ist er Experte für Historisches. 2001 ist er Augenzeuge und Kommentator der Geburtsstunde des Meisters der Herzen im Schalker Parkstadion zu Gelsenkirchen. Auch jetzt bekommt seine Stimme wieder diesen Unterton. Den Satz mit dem Döner denkt er sich aber vorerst noch.

Breuckmann, im Stade de Genève, sieht und wir, irgendwo zwischen Stuttgart und Salzburg, hören Angriff um Angriff auf das tschechische Tor und Petr Cech zurollen. Erst Altintop, dann Nihat. Dann wieder Altintop. Doch der Ball will nicht ins Tor. Irgendwann dazwischen noch ein Pfostentreffer der Tschechen. Polak war’s. Die Spannung steigt. Der Radiosender gönnt Breuckmann eine kurze Verschnaufpause und blendet Musik ein – diese Musik, deren Melodie einen in den Wahnsinn treiben kann und Erinnerungen an Jeopardy weckt, eine Quizshow der Neunziger.

Warum ist es eigentlich so dunkel da draußen? War vorhin nicht Vollmond gewesen? Der Empfang des Radios ist auch nicht mehr der beste. Die Mittelstreifen fliegen an uns vorbei. Was ist das denn für ein Name: Arda...

„Tor für die Türken...2:2...ein unfassbarer Fehler von Cech...ausgerechnet Cech...” Der Weltklasse-Keeper, lässt eine völlig harmlose Flanke Altintops aus den Händen gleiten. Hinter ihm vollstreckt Nihat, indem er den Ball ins leere Tor schiebt. Schreit Manni Breuckmann da eigentlich? Damit nicht genug. Nur wenige Augenblicke später überschlägt sich die Stimme aus dem Radio. Es ist wieder Nihat, der Kapitän der Türken, dieses Mal mit einem Traumtor. Breuckmann beruhigt sich kaum, da fliegt Volkan noch vom Platz. Und wir verpassen beinahe die Abzweigung auf die Autobahn gen Wien.

In der Zusammenfassung nach den 23 Uhr-Nachrichten hören wir einen Manni Breuckmann von den „wunderbaren Gesängen der türkischen Fans” schwärmen sowie von einem Spiel, das „ich lange nicht gesehen habe”. Schau’ da! Da ist er ja wieder, der Mond. Halbmond übrigens...

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