Die Equipe Tricolore trägt schwarz. „Wo ist Zizou?”, fragt mich einer der wenigen französischen Anhänger in der Wiener Espressobar Milano beinahe mit Tränen in den Augen. Wo er in jenem Moment tatsächlich ist? Keine Ahnung. Am Sonntag kommt Zinedine Zidane jedenfalls nach Wien. Seine ehemaligen Nationalmannschaftskameraden werden allerdings nicht mit dabei sein. Ohne ihn, den genialen Spielmacher und größten Fußballer nicht nur seiner Zeit, sind die Franzosen sang- und klanglos, fast grausam, aus dem Turnier ausgeschieden. Gegen eine auch nicht gerade berauschend, jedoch stabil auftretende italienische Mannschaft war die Begegnung im Grunde schon nach acht Spielminuten gelaufen. Dann nämlich bricht sich Zidane-Nachfolger Franck Ribéry, der einzige der Bleus in EM-Form, bei einem an sich harmlos scheinenden Aufeinandertreffen mit Zambrotta das Bein. Und würde Luca Toni nicht weiter an einer seltsamen Ladehemmung leiden, das Spiel hätte zur Halbzeit bereits 4:0 für Italien gestanden.
Erst vier Minuten sind gespielt, da läuft der Torschützenkönig der letzten Bundesligasaison nach einem Stellungsfehler von Eric Abidal schon alleine auf das französische Gehäuse zu; warum er noch vor der Strafraumgrenze schießt, bleibt sein Geheimnis. Der Ball geht links am Tor vorbei. Zu weit links zielt er in der ersten halben Stunde noch weitere drei Mal. Sollte den Bayern-Stürmer etwa das gleiche Virus befallen haben wie Mario Gomez? Inmitten dieses Gedankens ertönt dann ein Pfiff des Unparteiischen, der nach einem Foul an Toni, schon wieder alleine vor Torwart Grégory Coupet, auf Strafstoß entscheidet und Abidal mit Rot vom Platz schickt. Andrea Pirlo verwandelt sicher zum 1:0. Zehn Minuten später steht dem Ausbau der Führung bei einem Freistoß von Fabio Grosso lediglich der Pfosten im Weg. Der Weltmeister nach dem Debakel gegen die Niederlande zum Auftakt also wieder obenauf? Das Milano zweifelt noch.
Die zweite Halbzeit hat ihren ersten Höhepunkt beim zeitgleichen zweiten Spiel des Abends zwischen der Niederlande und Rumänien. Es fällt das 1:0 für die Oranjes. Kurzer Jubel auf den Rängen in Zürich sowie in der Bar. Eigentlich braucht man kein Hellseher zu sein, um wahrzunehmen, dass bei den Franzosen gar nichts mehr geht. Einziger Lichtblick ist noch Karim Benzema, dessen Bemühungen aber glücklos bleiben. Ihm wird ja eine goldene Zukunft prophezeit. Die glorreiche Vergangenheit der Equipe ist ohne Zizou jedoch nicht mal mehr ein Schatten. Die Gegenwart ist trist.
Kaum zu glauben, dass die Neuauflage des WM-Finales von 2006 eigentlich das Endspiel um den Viertelfinaleinzug ist, da Rumänien am Ende noch einen zweiten Gegentreffer kassiert. Zu schwach sind die Franzosen. Der Fernsehkommentator betitelt den Auftritt gar als „schlechtestes Spiel der französischen Elf seit Jahrzehnten”. Widersprechen wird ihm im Milano niemand. Fast schon mitleidig wird der zweite Treffer Italiens beklatscht, eher ein Eigentor Henrys als ein Tor De Rossis. So endet die Begegnung schließlich mit kurzer Freude der anwesenden Italiener. Sie wollen noch nicht richtig glauben, dass die bisherige Leistung reicht, um das nächste Spiel gegen Spanien zu überstehen.
Wo ist denn nun Zizou? Als ihm die verzweifelte Frage über die Lippen kommt, ist meinem Gegenüber bereits klar, dass Zizou nicht zurückkommt. Mit hoch gestelltem Mantelkragen verlässt er das Milano. Es fängt an zu regnen.














