Schon auf dem Weg in die Fanzone, vorbei am Museumsquartier, zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum hindurch, treffen wir auf viele freundliche Passanten. Unser sportliches Outfit irritiert, aber es ist ja EM. Also hier mal ein Übersteiger, da mal Hacke Spitze. Ein verlorener Ball wird durch gesundes Zweikampfverhalten wieder zurück erobert. An einem Imbissstand vor dem MQ jonglieren wir den Ball mit einem Einheimischen. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift DIE ÄRZTE und sieht auch so aus. Trotz mehrerer Bier legt er eine erstaunliche Technik an den Tag. „So macht Bier trinken Spaß”, ist das Einzige, was er uns mit auf den Weg gibt.
Wir haben nichts verlernt
In der Fanzone angekommen ist unser Interesse offensichtlich: Das Runde muss ins Eckige. Daher holen wir uns in der Anmeldebox in Form eines riesigen Schuhkartons unsere Playercards: „Namen?” – „Uli Hoeneß und Luca Toni.” Auf das kostenlose Ausleihen allerneuster Treter verzichten wir. Samba in Weiß ist die Devise. Los geht’s mit dem Technikparcour. An der ersten Station wundert sich bereits eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn über uns, denn wir treffen nichts. Das Zielschießen in einen Kreis einer Handvoll Fußballkartons beenden wir mit zwei Punkten von zehn möglichen. Naja, an eine Aufwärmstation hat wohl niemand gedacht. An der zweiten Station, praktisch Kegeln mit dem Fuß, gehen wir ganz leer aus; doch an der dritten lässt sich erahnen, was bei den darauffolgenden Aufgaben Gewissheit wird: Wir haben nichts verlernt.
Die volle Punktzahl beim Slalomlauf wird lediglich durch eine fehlerhafte Stoppuhr verhindert. Dafür sind wir bei der schwersten Aufgabe, gezieltes Schießen in den Torwinkel vom Elfmeterpunkt, die Einzigen, die treffen. In der Mitte des Tores steht zur Dekoration ein Gartenzwerg. „Wusste gar nicht, dass Timo Hildebrand auch da ist”, ruft ein Zuschauer. Ob er damit, den Gartenzwerg oder einen von uns meint, sagt er nicht. Lachen werden wir darüber aber nicht. Aus Solidarität. Armer Timo.
Das Fußballtennis und der Hochkick werden zum vollen Erfolg. Nicht mal ein Verlustpunkt wird gezählt. Der Hochkick wird letztlich im Elfmeterschießen entschieden. Zwei gehaltene Elfmeter bringen den Sieg und entlarven uns als Deutsche. Verdächtig, dass eine unserer Playercards abhanden kommt. Komisch, stand doch Luca Toni drauf. Vielleicht wurden wir disqualifiziert, weil Toni neuerdings Elfmeter hält. Nachforschungen ergeben nichts. Unser Gewinn bleibt uns vorenthalten. Ein Handyschmuck in Form eines winzig kleinen Fußballschuhs gibt es trotzdem.
„Wo san jetzt die Deitsche?!“
Sahir ist ein fünfzehnjähriger Einheimischer und fußballbegeistert. Er hat kurze schwarze Haare, ist hager und trägt eine Brille. Wie sich herausstellt, ist er aber in erster Linie höchst offenherzig und kommunikativ. Sahir ist einer der Jungen, die Tag ein Tag aus an solchen Kleinfußballfeldern ihre Zeit verbringen. Für ihn ist die EM und besonders dieser Fußballpark in der Fanzone wie geschaffen. Sahir ist immer dort. Er ist der heimliche Chef.
Wir haben uns als FC SCHMACKES angemeldet. Einer der Volunteers ist aus Freiburg und freut sich über unseren Namen. Wir auch. Da der Andrang beim 5 gegen 5 sehr groß ist, müssen wir noch ein ganzes Weilchen warten. Macht aber nichts, denn Sahir nimmt uns unter seine Fittiche. Wir flanieren durch die Fanzone, zum Wasserspender und wieder zurück. Wir erzählen, Sahir erzählt. Er hat mal im Verein Fußball gespielt, doch die Schule lässt das nicht mehr zu. Seine Portion Fußball holt er sich hier. Seine Freunde sowie Verwandten sind auch hier. Und da wir nur zu zweit sind, rekrutieren wir ihn und seine zwei Cousins kurzerhand für den FC SCHMACKES. Oder hat er uns rekrutiert? Ein bilaterales Scouting sozusagen.
Ein kurzer Test macht klar: Wir bilden das Abwehrbollwerk, Sahir und seine Cousins wirbeln. Eine sehenswerte Parade im Tor bringt uns nach kurzer Zeit die Sympathien. Sahir macht innerhalb der acht Minuten Spielzeit einen Hattrick; wir gewinnen 6:0. Nach einem sehenswerten Kopfballtreffer fällt durch uns noch ein weiteres Tor: Beim Zweikampf mit Ball und Gegner ist der Leidtragende der Pfosten. Wer hätte gedacht, dass ein handelsübliches Kleinfeldtor ein Kopfballduell verliert. Die Stirn ziert ein kleiner blauer Fleck, den Pfosten hat es schlimmer erwischt; das Winkelgestänge ist gebrochen. Der Freiburger Volunteer lacht. Wir hinterlassen unsere Spuren.
Mit Schmackes eben.














