Es läuft die 119. Minute des Viertelfinalspiels der Kroaten gegen die Türkei. Die reguläre Spielzeit hatte keine Tore gebracht, und auch in der darauf folgenden Verlängerung ist keinem der beiden Teams bis dato ein Treffer gelungen. Dann führen ein kapitaler Fehler des türkischen Torwarts Rüstü und ein Geistesblitz des kroatischen Spielmachers Luca Modric zum 1:0 durch den eingewechselten Ivan Klasnic. Der Jubel im Lager der Kroaten kennt keine Grenzen. Trainer Slaven Bilic rennt frenetisch jubelnd, gar völlig außer sich, zur Eckfahne und wieder zurück, um sich dann auf die Traube aus Spielern und Betreuern zu stürzen, die da den Schützen des Siegtores zu erdrücken droht. Dieser Slaven Bilic ist ein Bild für die Götter – sein grauer Anzug, die rote Krawatte des kroatischen Dresscodes, dazu sein Konterfei. In diesem Moment steht Kroatien im Halbfinale. Die Begegnung geht nur noch wenige Sekunden.
Genauer gesagt sind es noch fünf Sekunden, als der Unglücksrabe Rüstü den Ball von der Mittellinie zum allerletzten türkischen Angriffsversuch hoch in den Strafraum der Kroaten drischt. Dort fällt der Ball Semih Sentürk vor die Füße, der die Kugel fast geistesgegenwärtig aus 14 Metern unhaltbar in den Winkel feuert. Slaven Bilic wird zur Furie. Hätte der Schiedsrichter doch ein paar Sekunden früher abgepfiffen – Bilic würde weiter strahlen. Aber nun ist er wild, kaum zu bändigen. Er beruhigt sich erst, als er kurz darauf seine Mannschaft zum Elfmeterschießen vorbereiten muss.
Die Lotterie vom Punkt hätte sich die kroatische Elf bereits in der regulären Spielzeit ersparen können. Denn nach einer ausgeglichenen ersten Halbzeit übernimmt das Bilic-Team in den zweiten 45 Minuten das Kommando. Angetrieben vom starken Modric kommt Kroatien auch zu einigen guten Torgelegenheiten. Doch sowohl Olic als auch Krajncar oder Srna scheitern knapp. Dass die Türken die Verlängerung erreichen, ist nicht unverdient, weil erkämpft, aber dennoch glücklich. Die Frage ist daher, ob sich Terims Spieler auch ins Elfmeterschießen retten können.
Mit Beginn der Verlängerung sind es jedoch die Türken, die offensichtlich auf eine Entscheidung drängen. Der Antreiber auf türkischer Seite ist dabei Hamit Altintop. So geht ein Flachschuss des Münchners nur um Zentimeter am kroatischen Gehäuse vorbei. Man gewinnt den Eindruck, der Mannschaft von Slaven Bilic könnte die Kraft ausgehen. Das Spiel lebt von seiner Spannung, die umso mehr steigt, je näher das Elfmeterschießen rückt. Beide Trainer an der Seitenlinie zeigen jene Emotionen, die uns vermutlich nur der Fußball geben kann. Es beginnt die 119. Minute. Was folgt ist eine Dramatik, die wohl auch nur der Fußball zustande bringt.
Man dachte, die Spiele der Türkei gegen die Schweiz und vor allem gegen Tschechien seien nicht mehr zu toppen. Während der Siegtreffer gegen die Gastgeber in der Nachspielzeit fällt, und Nihat die Begegnung gegen die Tschechen mit einem Doppelpack in den letzten drei Minuten dreht, schlägt die Terim-Elf dieses Mal in noch nie da gewesener Art zurück. Es geht ins Elfmeterschießen, wo den Kroaten die Nerven versagen. Ausgerechnet Modric, der beste Kroate, und Rakitic, ebenfalls Aktivposten, setzen ihre Elfmeter neben das Tor. Als Rüstü den vierten kroatischen Versuch durch Mladen Petric abwehrt, ist das nächste türkische Wunder perfekt.
Slaven Bilic steht in diesem Augenblick an der Seitenlinie. Sein Blick geht ins Unendliche. Fast eine Minute hält er inne. Er erwacht aus einem Traum – in dem die Europameister Karos tragen. Eigentlich ist es kaum zu glauben. Kroatien, schon länger als Geheimtipp gehandelt, zeigte bei der EM gute Leistungen und katapultierte sich durch den Sieg gegen Deutschland sogar in den Rang eines Titelfavoriten. Wieder einmal kam alles anders, als man dachte: Nun steht mit der Türkei der absolute Underdog im Halbfinale.














