Die Russen stürmen Europas Spitze. Wer hätte nach der 1:4-Auftaktpleite gegen Spanien gedacht, die Hiddink-Elf, seit Beginn Jogi Löws Geheimtipp auf den Titel, werde gerade einmal zwei Wochen später große Ansprüche auf das Finale anmelden? Der 3:1-Sieg nach Verlängerung im Viertelfinale gegen die über den Klee gelobten Niederländer war jedoch hoch verdient.
Dabei war in den Medien im Anschluss von einer Kopie des niederländischen Systems die Rede: „Kopie schlägt Original”. Aber was soll das schon heißen. Guus Hiddink hat seiner Mannschaft schon seit seiner Übernahme das von ihm propagierte Offensivspiel eingeimpft. Auch wenn die Begegnung gegen die Spanier beinahe zum Debakel geworden wäre, konnte man schon hier erkennen, wie gut die russischen Akteure eigentlich sind. Nur eine zu große Portion Naivität war dabei gewesen; so wurde man von den pfeilschnellen Spitzen der Spanier gnadenlos ausgekontert.
Gegen die Niederlande zeigte sich von Beginn an, dass Hiddink sein Team perfekt auf den Titelfavoriten eingestellt hatte. Schnelles Zuschieben der Räume im Mittelfeld ließ die bei der EM groß aufspielende Oranje-Offensive nicht wie gewohnt zur Entfaltung kommen. Die Anfangsphase gehörte den Russen, ebenso die erste Torgelegenheit; doch Pavlyuchenko konnte einen Kopfball nicht mehr drücken. Danach verflachte die Begegnung etwas, um nach fünfundzwanzig Minuten gleich drei sehenswerte Szenen parat zu haben. Erst scheiterte van Nistelrooy aus spitzem Winkel, nur kurz darauf musste Edwin van der Sar zweimal kurz hintereinander sein ganzes Können aufbringen, um einen Rückstand zu verhindern. Der niederländische Spielaufbau wurde weiterhin geschickt gestört, so dass die gefährlichsten Szenen aus Standardsituationen entstanden. Rafael van der Vaart und vor allem Wesley Sneijder schlugen einige gefährliche Bälle vor das russische Gehäuse; ein Abnehmer war jedoch nicht zur Stelle. So ging es ohne Treffer in die Halbzeitpause.
Nach dem Seitenwechsel blieb die Mannschaft von Marco van Basten, einst Hiddink-Zögling, zwar optisch überlegen, ohne sich aber nennenswerte Torchancen zu erspielen. Russland überbrückte schnell das Mittelfeld und setzte immer wieder seine überragenden Stürmer Roman Pavlyuchenko sowie Andrei Arshavin ein, die immer prägender für die Begegnung wurden. So erzielte Pavlyuchenko nach Zuspiel Arshavins die zu diesem Zeitpunkt bereits verdiente Führung. Man wurde das Gefühl nicht los, dass die spielerisch eigentlich so starken Niederländer mit ihrem Latein schon am Ende sein könnten. Es bedurfte also eines Freistoßes Sneijders, der am langen Pfosten den Kopf Ruud van Nistelrooys fand, um vier Minuten vor dem Schlusspfiff die Verlängerung zu erzwingen.
In der Verlängerung spielte dann nur noch eine Mannschaft, und zwar die russische. Erfrischend offensiv über Dreh- und Angelpunkt Arshavin kam die Hiddink-Elf auch zu Chancen, die zwangsläufig zum 2:1 führten. Wieder war es Arshavin, der mit einem Geistesblitz eine gefühlvolle Flanke auf den eingewechselten Dimitri Torbinski schlug und van der Sar alt aussehen ließ. Torbinski vollendete ebenso sehenswert, indem er den Ball per Außenrist neben den Pfosten ins Tor spitzelte. Schließlich war es Arshavin selbst, der mit dem 3:1 van der Sar tunnelte und damit den Halbfinaleinzug perfekt machte. Der neue Superstar der Europameisterschaft scheint gefunden.
Seinen Platz in den Geschichtsbüchern des Fußballs hat Guus Hiddink indes schon sicher. Nachdem er bereits mit seinem Heimatland im EM-Halbfinale 2000 gestanden hatte und mit Gastgeber Südkorea sogar ins Semifinale der Weltmeisterschaft 2002 eingezogen sowie mit Australien bei der WM 2006 nur sehr unglücklich gegen den späteren Weltmeister Italien ausgeschieden war, konnte er seiner eigenen, großen Erfolgsgeschichte nun ein weiteres Kapitel hinzufügen. Russland steht erstmals in einem Halbfinale. Hiddinks Händchen sowie sein Weltklasseangriff haben den Weg nach Wien geebnet.














