Zu Mittag gibt es Dönerteller und danach einen gemütlichen Tee. Wir sind in einem kleinen Döner-Imbiss außerhalb der Innenstadt, um den Massen etwas zu entgehen. Das bestimmende Thema der Stadt ist das am Abend anstehende Viertelfinale der Europameisterschaft, wie könnte es auch anders sein. Denn mit den Kroaten und den Türken treffen wahrscheinlich die beiden Mannschaften mit den frenetischsten Anhängern aufeinander. Kaum eine Ecke, an der nicht eine Gruppe Jugendlicher mit Karomuster oder Halbmond zu sehen ist. Gerade Wien als Austragungsort der Partie verspricht Stimmung ohne Ende.
Der Brunnenmarkt, Residenz der Türken, liegt so nahe zur Ottakringer Straße, sozusagen das kroatische Hoheitsgebiet der Stadt, dass man schon am Nachmittag die Schlachtgesänge deutlich hören kann. Bereits am Tag zuvor hatten zahlreiche Fernsehteams ihre Runden hier gedreht. Und da sich schon Stunden vor der Begegnung Massen von Fans vor den Läden sowie Cafés rumtreiben, sind ein paar Straßen bereits seit dem Vormittag gesperrt. Ein Passant, den wir an einer Fußgängerampel sehen, sagt uns, dass er hofft, dass die Türken nicht gewinnen. Sie sind ihm zu fanatisch, eigentlich nationalistisch. Wir treffen an diesem Tag jedoch ausschließlich Türken, die uns vollkommen offen und freundlich, fast freundschaftlich begegnen.
Wir plaudern etwas mit dem Besitzer des Döner-Ladens. Er erzählt uns, dass rund um den Bezirk seit Tagen die türkischen Trikots ausverkauft sind. Das sieht man. Ab und an betritt jemand den Imbiss, und fast jeder hat eines an. So auch zwei jugendliche Mädchen, die uns der Besitzer vorstellt. Bekanntschaft ist schnell gemacht. Die beiden Mädchen treffen sich gleich mit ihren Freunden, um sich auf das Spiel am Abend vorzubereiten. Wir begleiten sie. „Fußball interessiert uns eigentlich gar nicht”, sagen sie. Es ist der Nationalstolz, der sie auf die Straße treibt. „Aber die Burschen schon!”
Die Burschen sind, als sie kommen, nicht zu übersehen. Alle mit Trikot oder zumindest in Rot, manche sogar mit Flagge um die Schultern. Sie wollen sich noch schminken, bevor sie in die Fanzone auf den Rathausplatz gehen. So schminken sich die Jungs und Mädchen gegenseitig und erzählen dabei. Die Handvoll Jungs sind Fans unterschiedlicher Vereine. Der eine ist Fan von Besiktas, der andere von Fenerbahce, wieder ein anderer von Galatasaray. Seine Eltern haben in der Türkei eine Wohnung direkt neben dem Stadion. Klar, das prägt. Auf der Tribüne saß er schon hundert Mal, sagt er. Neben uns fahren und stehen Autos, jedes zweite mit türkischem Banner. Plötzlich steigt ein Fahrer aus seinem Auto und skandiert: „Türkiye! Türkiye!” Die Jugendlichen stimmen ein. So noch einige weitere Male, als Passanten mit Trikots den Gehweg entlang kommen. Auch kroatische Fans werden freundlich angenommen. Wir schießen ein Gruppenbild der Jugendlichen zusammen mit drei kroatischen Kindern, die mit ihrem Vater ins Café nebenan gehen. Sie haben Karten fürs Stadion am Abend. Die Türken singen weiter. Bevor sie weiterziehen, spendieren sie uns noch zwei Bier.
Je näher das Spiel rückt desto größer wird der Trubel. Also ziehen wir uns Richtung Wiener Naschmarkt zurück. Dort ist zwar auch nicht gerade wenig los, doch es ist um einiges gemütlicher. Wir finden ein Plätzchen beim Gemüseladen mit angrenzendem Café und Restaurant einer türkischen Großfamilie. Sowohl Oma als auch Enkel fiebern hier im Wechselbad der Gefühle mit. Die Anspannung ist deutlich zu spüren. Ein Mädchen will die Stimmung immer wieder mit ihren „Türkiye”-Rufen auflockern, aber die Männer konzentrieren sich gebannt auf das Spiel. Nur wenn Fatih Terim gestikulierend in Großaufnahme auf dem Flachbildschirm erscheint, macht ein erfreutes Raunen die Runde.
So vergeht das Spiel, bis die 119. Minute ein Aufschrei der Empörung bringt. Beinahe konsterniert vergraben die meisten Gäste ihr Gesicht in ihren Händen. Ein kleiner Junge an unserem Tisch bekommt den Ausgleich erst mit, als ihn die Sektdusche der Kellnerin trifft. Die Tische wanken, die Wände wackeln. Da ist sie wieder, die türkische Emotion. Und das nächste türkische Wunder der Terim-Elf folgt auf dem Fuß. Wir müssen nicht erwähnen, dass nach dem Elfmeterschießen alle Dämme brechen. Binnen weniger Minuten leeren sich die Bänke. Es folgen Autocorsi, wie man sie in Österreich kaum kennt. Das Hupen geht bis in die frühen Morgenstunden. Und im Grunde verläuft alles friedlich. Am nächsten Tag vermelden die Medien lediglich zwölf Festnahmen. Unumwunden kann man also nicht nur von einem historischen Sieg der Türkei im Wiener Ernst-Happel-Stadion sprechen, sondern von einem Sieg für die Völkerverständigung.














