Zinedine Zidane ist mit der größte Fußballer aller Zeiten. Schon zu Lebzeit zur Legende geworden, hat er wohl Millionen Menschen, nicht nur Kinder, in den Stadien dieser Welt in Entzückung versetzt und zu wahren Jubelstürmen hingerissen. Ein Einzelner kann Massen bewegen. Auch wir sind wahre Fans von Zinedine Zidane. Deshalb sind wir heute hier – und mit uns noch knapp 1000 weitere Besucher. Es ist Mittagszeit und das Thermometer zeigt über 35 Grad im Schatten. Wird Zizou wirklich kommen?
Zinedine Zidane ist jetzt Botschafter eines großen Sportartikelherstellers, des Veranstalters. Doch deckt sich die wahre Botschaft Zizous mit den Absichten der Firma? Der Mann am Mikrofon hört nicht auf zu betonen, dass Zizou am wichtigsten sei, dass die Kinder Spaß mit ihm haben. Das glauben wir auch. Denn Zidane ist nicht nur ein Held am Ball, sondern auch immer ein großartiger Mensch geblieben. Der Rummel um seine Person ist ihm eher unangenehm – schüchtern und liebenswert, so zeigt er sich dann auch kurz darauf. Auf einmal ist er da. Fast unbemerkt, wenn der Marktschreier nicht ständig auf Zizous extra für diesen Tag maßgeschneiderten Schuhe verweisen würde. Zidane versteht davon vermutlich kaum ein Wort. Er hat einen Dolmetscher dabei.
Als die beiden Teams der erwählten Kinder vorgestellt werden, drängt sich schon der Eindruck auf, dass es sich hier um ein großes Marketingevent handelt. Die Veranstaltung ist für Kinder bis 12 Jahre. Wir fragen uns: Hat denn je eines der Kinder tatsächlich ein Spiel Zidanes gesehen? Seinen großen Triumph bei der Heim-WM 1998? Wohl kaum. Auch als der Franzose den Kindern seine Tricks beibringt, fragt man sich bei dem einen oder anderen Kind, ob es jemals gegen einen Ball getreten hat. Alle tragen ein Trikot mit der 10. Alle beantworten die Frage nach ihrem Vorbild schlicht und einfach mit „Zizou”. Wie auswendig gelernt. Nur einer nicht, der dafür teils Verwunderung, teils Beifall erntet. Er antwortet: „Podolski.”
Als Höhepunkt steht ein Spiel 5 gegen 5 auf dem Programm. Zidane spielt die erste Hälfte mit dem weißen Team, die zweite mit dem schwarzen. Man erlebt das Kind im Manne. Er vermittelt den Kindern Spaß, indem er selbst Spaß hat. Er freut sich über jedes Tor eines der Kinder. Die Werbesprüche des Marktschreiers würden untergehen, wenn sie nicht so laut wären. Aha, Zizou hat sogar das heutige Datum auf den Schuh gedruckt. Kurz darauf befeuchtet der Franzose seine maßgeschneiderten Treter. Drückt ihm etwa der Schuh? Der Mann am Mikrofon wundert sich.
Den Abschluss bildet nach den Mannschaftsfotos eine Autogrammstunde, besser gesagt eine halbe. Der Andrang ist verständlicherweise mehr als groß. Die Security-Leute scheinen der Aufgabe nicht wirklich gewachsen. Trotzdem bleibt alles friedlich. Die Autogramme sind nur für Kinder. Also bemühen wir uns erstmal nicht, eines abzugreifen. Doch auch viele Kinder haben das Nachsehen. Auf der Zuschauertribüne sitzt ein kleiner Junge mit seiner Mutter. Er weint. Die Mutter sagt, ihr Sohn habe von der prallen Sonne starke Kopfschmerzen, vermutlich einen Sonnenstich. Dabei habe er sich doch so auf den heutigen Tag gefreut und so sehr auf ein Autogramm von seinem Idol. Er trägt ein Frankreich-Trikot. Die Aufpasser lassen ihn nicht durch. Sein Wunsch geht nicht in Erfüllung.
Die Leute vom österreichischen Fernsehen jedoch dürfen sich noch Zizous Unterschrift holen. Sie dürfen sich sogar vordrängeln. Überhaupt, die Medienvertreter stören extrem. Nicht nur, dass sie beinahe das komplette Kleinfeld umzingeln, sie nehmen vielen Zuschauern und vor allem den Kindern die Sicht. Wichtigtuerei und Stillosigkeit par excellence. Dabei will Zizou doch nur, dass die Kinder Spaß mit ihm haben.
Autogramme gibt’s nur auf vorgedruckten Karten mit Logo des Veranstalters drauf. Könnte ja jemand vergessen, wer das Ganze hier veranstaltet hat. Manche Kinder wollen verständlicherweise ihr Trikot, ihren Ball oder ein Buch signiert; doch diese Gegenstände werden von den Aufpassern schnell aus dem Verkehr gezogen. Funktioniert so Markenbindung?
Nach 90 Minuten verlässt Zinedine Zidane wieder den Heldenplatz. Ein Held wird er jedoch immer bleiben. Auch wenn ihm der Schuh der Werbefigur offensichtlich drückt. Beim Gehen reagiert er auf jeden Zuruf mit einem schüchternen Winken und Lächeln.
„Jetzt aber mit Schmackes, Zizou!” Unter dem Argwohn der Security-Leute kritzelt er noch ein Autogramm auf unsere Visitenkarte. Merci, Zizou. Den Übersteiger erfunden hast Du aber nicht. Das hast Du nie behauptet, aber der Mann am Mikrofon. Dabei müsste der’s eigentlich besser wissen.
Und ein Schuh macht noch lange keinen Übersteiger.














