Lahm und die Sintflut

Thorsten Gohl | 26. Juni 2008 | 1 Kommentar
Das Halbfinale der Europameisterschaft zwischen Deutschland und der Türkei hat uns viele Nerven gekostet. Nicht nur, dass das deutsche Team uns bis zur 90. Minute auf die Folter spannte und die zweite Spielhälfte aufgrund der Fernsehbildausfälle nur in Fetzen zu sehen war; sintflutartige Regenfälle sorgten auf dem Naschmarkt in Wien auch für unvergessliche Erlebnisse beim Versuch, sowohl ein Dach über dem Kopf zu finden als auch den Spielstand nicht aus den Augen zu verlieren.

Wir entschieden uns, das Spiel wieder auf dem Naschmarkt statt in der Fanzone anzuschauen. Hier hatten wir schon die Viertelfinalbegegnung der Türkei gegen Kroatien verfolgt und auch diesmal genossen wir die Gastfreundschaft desselben türkischen Straßencafés. Bereits eineinhalb Stunden vor Anpfiff waren alle Plätze belegt oder zumindest reserviert, denn keiner wollte ja in der letzten Reihe sitzen, erst recht nicht bei diesem Duell. So stellte uns der Besitzer zwei Extrastühle parat, mit bester Sicht.

Zu Beginn der Partie trauten wir unseren Augen aber kaum. Die Türken übernahmen, obwohl stark ersatzgeschwächt, das Kommando; bei der Elf von Jogi Löw lief fast gar nichts zusammen. Sie konnte sogar von Glück sagen, dass sie nicht gleich mit zwei, drei Toren ins Hintertreffen geriet. So ging der Führung der Türken durch ein Abstaubertor Borals bereits einige Minuten zuvor ein Lattenknaller Kazim Kazims voraus. Die Hintermannschaft der Deutschen wirkte teilweise desorientiert. Selbst Philipp Lahm unterliefen kapitale Schnitzer. Nicht nur einmal. Daher fiel das 1:0 auch vollkommen verdient. Der Stimmung am Naschmarkt tat dies natürlich keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Wir allerdings wurden bereits unruhig. Wo um alles in der Welt war eigentlich Michael Ballack?

Nur einen kurzen Augenblick später konnten wir jedoch tief durchatmen: Ganz wichtig, dass Bastian Schweinsteiger schnell der Ausgleich gelang, in Manier seines Führungstreffers gegen die Portugiesen eine Runde zuvor. Wieder hieß der Passgeber Lukas Podolski, der mit einem ebenso schönen Zuspiel Thomas Hitzlspergers auf die Reise geschickt worden war. Also kurz ‘ne SMS gen Heimat: „Ganz ganz wichtig...!” Unsere Nebensitzer von fare (football against racism in europe) sahen das im Übrigen genauso. Nur der Besitzer nicht.

Dann der Halbzeitpfiff. Während Hansi Müller als Deutschland-Experte im österreichischen Fernsehen einen fast konsternierten Eindruck hinterließ, zogen am Wiener Abendhimmel dunkle Wolken auf. Und bei diesem Spiel sahen die meisten Deutschen auch so schon schwarz. Pünktlich zum Anpfiff der zweiten fünfundvierzig Minuten setzte der Regen ein. Die meisten Gäste rotteten sich unter den nun ausgezogenen Vordächern zusammen. Uns allerdings ging der optimale Blick auf den Flatscreen vor. Was machen denn schon ein paar Regentropfen?

Dass es dem Unparteiischen wohl an Sicht mangelte, zeigte sich in der 51. Minute, als der Schiedsrichter nach einem unfassbar klaren Foul an Philipp Lahm nicht auf Strafstoß entschied. Das erkannten auch die türkischen Gäste im Café an, dennoch penibel darauf verweisend, dass Lahms kleiner Zeh noch außerhalb des Sechzehnmeterraums gewesen war. Kaum war der Ärger verflogen, brachen am Himmel alle Dämme. Innerhalb weniger Minuten glich die Gasse einem reißenden Fluss. Eigentlich nur nebenbei fiel dann auch das Fernsehbild aus. Wie sich herausstellte war ob des Gewitters das Sendezentrum in Wien lahmgelegt. Kein Wunder. Die Gäste des Cafés versuchten, jeder für sich, irgendwo ein trockenes Plätzchen zu erhaschen. Als einige der Türken mitten im orkanartigen Regen plötzlich zu tanzen begannen, war es für uns klar: Die Türken mussten in Führung gegangen sein. Was für ein Desaster.

Quer durch die strömenden Regenmassen und dunklen Gassen Wiens führte unser Weg schließlich in ein Eckcafé. Just fünf Sekunden nach unserem Eintritt setzte dort das Fernsehbild wieder ein. Zur großen Verwunderung aller stand es 2:1 für Deutschland. Im Gefühl, wieder alles richtig gemacht zu haben, gesellten wir uns an den Tresen und bestellten zur Feier des Tages ein schönes Bier. Heute ein König... Es schien sich niemand daran zu stören, dass unsere triefenden Klamotten mittelgroße Pfützen hinterließen. Von der Transparenz unserer weißen Hemden ganz zu schweigen. Also standen wir mit klatschnass zurück gestrichenen Haaren an der Bar, als wieder das Bild weg war; das wieder einsetzende zeigte unvermittelt einen jubelnden Semih Sentürk an der Eckfahne. War das denn die Möglichkeit? Nach kurzer Ansicht der Zeitlupe wurde der Flatscreen wieder dunkel.

Sollten die Türken auch unsere Mannschaft innerhalb der letzten Sekunden düpieren? Welch Ironie des Schicksals, dass dies nun dem Team von Fatih Terim widerfuhr. Das Fernsehbild kam wieder und blieb bis zum Schluss. Also wurden wir doch noch live Augenzeuge eines Treffers in der zweiten Halbzeit. Wahrscheinlich der Spieler des Spiels, Philipp Lahm, fast an allen wichtigen Szenen der Begegnung beteiligt, trieb den Ball auf seiner linken Seite. Im Zusammenspiel mit Thomas Hitzlsperger stand er kurz darauf alleine vor Türken-Torwart Rüstü. Den verlud er und versenkte den Ball mustergültig im Torwinkel des kurzen Ecks. Das Finale war perfekt. Doch der Regen wollte dennoch nicht aufhören.
Kommentar Nr. 1
Imanuel Merk | 30. Juni 2008 | 21:58
Ja, das war in der Tat eine Zitterpartie und als das Bild ausfiel, haben wir das gute alte Radio bemüht. Nichts desto Trotz, die Deutschen haben nicht überzeugt, mit Nichten. Was man durchaus anerkennen kann, ist jedoch die Bereitschaft, das Wollen. Anderes Thema, die Schiris: Bei noch keinem Fußball-Großereignis ist mir die Leistung der Judikative auf dem Grün so miserabel vorgekommen. In nahezu jedem Spiel gab es große Fehlentscheidungen und diese reichten von Abseits- über Foulentscheide bis hin zu dieser Farce mit uns Jogi. Hut ab.

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