Veh

Die Macht der Self-fulfilling Prophecy

Die Redaktion | 23. Nov. 2008 | 0 Kommentare
Auf dem Rückweg von der 1:4-Pleite in Wolfsburg fragten wir uns noch, wie lange es Armin Veh denn noch machen würde beim VfB. Um Mitternacht mit der U-Bahn am Marktplatz angekommen, pfiffen es die Spatzen bereits vom Rathausdach: Nicht mehr allzu lange. Denn zu diesem Zeitpunkt war der von Horst Heldt kurzfristig anberaumte Krisengipfel in Vehs Wohnung auf dem Stuttgarter Killesberg bereits in vollem Gange. Nur wenige Stunden später war die personifizierte Meisterschaft 2007 Vergangenheit.

Mit den Meisterschaften ist es so eine Sache beim VfB. Einmal errungen, scheint die an sich doch so begehrenswerte Schale in den Folgejahren wie ein Damoklesschwert über dem Verein, ja der ganzen Stadt zu schweben. Ob es Pech gebracht hat, dass Fernando Meira die Meisterschale falsch herum gen Himmel streckte, einst im Mai? Jedenfalls schien das Pech von jenem Zeitpunkt an an der Mannschaft und insbesondere an Veh zu kleben. Wie nach dem Titelgewinn 1992 der Zauber Christoph Daums, so nutzte sich auch die Aura Vehs in der dem Triumph folgenden Saison schleichend ab. Das Ende seiner Trainertätigkeit, so abrupt es in den Morgenstunden des frühen Sonntags kam, war letztlich nur eine Frage der Zeit gewesen. Viele, um nicht zu sagen alle, hatten just am Tag der Meisterschaft, am 19. Mai 2007, vor dem Absturz gewarnt. Dabei gehört es zu den wesentlichen Eigenschaften eines Höhepunkts, dass danach die Kurve fällt. Spätestens als diese Kurve in eine nicht mehr zu stoppende Abwärtsspirale überging, war die Self-fulfilling Prophecy wieder einmal Realität geworden.

Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung kennzeichnet sich dadurch, dass eine Vorhersage eine solche Macht entfalten kann, dass sie sich schließlich selbst erfüllt. Dementsprechend ist sie als Ursache der Folge zu betrachten, von der sie spricht. In der Psychologie gibt es in diesem Zusammenhang das Phänomen, dass, wenn jemand von einer bestimmten Sache glaubt, dass sie wahr ist und eintreten wird, durch sein Verhalten zum Eintritt dieser Prophezeiung beiträgt. Das gilt für positive wie für negative Aussagen – und vor allem und vor allen Dingen für den VfB.

Spinnen wir diesen Gedankengang weiter, haben alle zusammen tatkräftig, wenn auch teilweise unbewusst und unbeabsichtigt, auf das Ende der Amtszeit Armin Vehs hingearbeitet – die Medien, der Verein und Armin Veh selbst. Angefangen vom Zitat der „Übergangslösung” über die verfehlte Einkaufspolitik bis hin zu Vehs Ratlosigkeit am Ende. Aus Angst, nach den allesamt eingeschlagenen Neuzugängen im Meisterjahr viel Geld in falsche Leute anzulegen, tat man genau das, wobei man eine geradezu vom Schicksal vorgezeichnete Pechsträhne verfolgte. Von Experten noch als Nationalmannschaftskandidat im Sommer begrüßt, wurde Torhüter Raphael Schäfer, in Nürnberg immerhin Kapitän und Garant der erfolgreichsten Saison der Franken seit Jahrzehnten, nur zehn Monate später als Würstchenverkäufer vom Hof gejagt. Yildiray Bastürk hätte wie zu seinen besten Zeiten bei Bayer Leverkusen eine hilfreiche Verstärkung für die Champions League werden können. Er wurde es nicht. Ebenso wenig wurde es Ciprian Marica, der irgendwie an den Fall Markovic aus tristen VfB-Jahren erinnert. Der drohend vorausgesagte Niedergang nahm seinen Lauf.

Eine in der alltäglichen Praxis oft angewendete Form der sich selbst erfüllenden Vorhersage ist das getarnt daherkommende gezielte Gerücht. Schon im Herbst 2007 wurde Vehs Ruhe bei ersten Krisenerscheinungen als Rat- und Konzeptlosigkeit ausgelegt, ein Jahr später bereits als Lustlosigkeit. Und Armin Veh tat wenig, um dieser Kritik aktiv entgegenzutreten. Was zum Stempel der Sturheit und Beratungsresistenz führte. Letztlich taten weitere Gerüchte, sowohl Veh als auch der Verein würden den auslaufenden Vertrag nicht verlängern wollen, ihr Übriges. Prompt konnte man in der Cannstatter Kurve der Mercedes-Benz-Arena ein Banner lesen mit der Aufschrift: „Der DM-Bonus ist aufgebraucht!” Die Prophezeiung war also bei den Fans angekommen.

Wenn wir das Ende der Amtszeit Vehs als Self-fulfilling Prophecy interpretieren, so kann man in dieser Geschichte ebenso ihr logisches Gegenstück erkennen: nämlich eine Self-destroying Prophecy. Von Beginn an als Schicksalsgemeinschaft auserkoren, bedurfte es eines Eingreifens Heldts contra Veh, um sein Schicksal sozusagen selbst in die Hand zu nehmen und es zu verändern. Spätestens mit der Pressekonferenz, in der Veh kritisch gegenüber sich selbst, aber auch Heldt gegenüber, die eigene Transferpolitik als Anfang vom Ende zeichnete, war die Steilvorlage zur Freistellung gegeben. Und eben auch Vehs Vertragssituation vereinfachte diesen Schritt.

Letztlich bleibt die Ahnung, dass Veh instinktiv das Ende seiner Zeit vorausgesehen hat, und deshalb gar nicht erst den Versuch unternehmen wollte, sich zu verbiegen. Vermutlich hat er die großen Zügen hinter den Prophezeiungen als erster richtig gedeutet. Die Rolle als Meistermacher 2007 ist ja auch nicht die schlechteste. Seinen Job hat er zwar verloren, aber sein Gesicht gewahrt. So betrachtet: Armin Veh ist ein waiser Mann.

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