Fanprojekte im Ländle raus aus dem Abseits

Thorsten Gohl | 23. Jan. 2009 | 0 Kommentare
Fußball ist nicht erst seit gestern ein gigantischer Wirtschaftsfaktor. Dabei wird das Geschäft zu einem nicht unerheblichen Teil mit dem 12. Mann gemacht: Dem Fan. Daher werden die sogenannten Fanprojekte als Drehpunkteinrichtung für Fußballanhänger auch zu einem großen Teil von öffentlichen Mitteln getragen. Bisher war jedoch ausgerechnet die Stadt Stuttgart nicht zu einer finanziellen Unterstützung bereit, ebenso wenig das Bundesland Baden-Württemberg. Das soll sich nun ändern.

Der Fußball findet nach wie vor in erster Linie dort statt, wo ihn die Menschen gemeinsam erleben. Und überall da, wo der Mensch am Werke ist, treten bisweilen Probleme auf – gerade bei Fußballgroßveranstaltungen. Aus diesem Grund haben sich weltweit sogenannte Fanprojekte etabliert, die aktiv und ohne Kontrollabsicht oder Besserwisserei Lösungsansätze vorhandener Probleme erarbeiten und den Dialog suchen. Im Gegensatz dazu, lediglich auf strafbare Handlungen von Fans im Umfeld des Profifußballs zu reagieren, bestimmt die sozialpädagogische Arbeit den entscheidenden Grundsatz. Dabei orientiert sich die pädagogische Arbeit in Deutschland an den aktuellen Gesetzen sowie am „Nationalen Konzept Sport und Sicherheit”. Die Ziele der Fanprojekte sind desweiteren die langfristige Vorbeugung von Straffälligkeit, die Verhaltenssicherheit gerade junger Fans, die Förderung der Selbstregulierungsmechanismen innerhalb der Fan-Szenen sowie die Stabilisierung neuer Anhänger-Gruppierungen. Besonderes Augenmerk ist dem Abbau extremistischer Orientierungen, Ressentiments, Feindbildern und speziell eventuell vorhandener Ausländerfeindlichkeit gewidmet.

Fankulturell liegt s'Ländle hinterm Mond

Fanprojekte in Deutschland sind in der Regel öffentlich finanziert mit Unterstützung des Deutschen Fußball-Bundes. Die Kosten schultern Stadt, Bundesland und DFB zu je einem Drittel. Einzig Baden-Württemberg versagte bisher die Unterstützung, weshalb im Ländle lediglich in Karlsruhe (zu zwei Dritteln von der Stadt getragen) sowie in Mannheim (mit der Drittelfinanzierung durch das Nachbarbundesland Rheinland-Pfalz) dementsprechende Einrichtungen existieren. Mit dem Verweis auf das Land lehnte die Hauptstadt Stuttgart bislang ebenfalls ab, jegliche finanziellen Mittel zum Aufbau hauptamtlicher Sozialarbeit für Fußballfans zur Verfügung zu stellen. Damit steht Stuttgart neben Neuling Hoffenheim in der Bundesliga alleine da. Angesichts dessen, dass sich Stuttgart gern als „Sporthauptstadt Europas” bezeichnet, eigentlich ein Witz. In Dortmund z.B. gibt es ein solches Fanprojekt bereits seit über 20 Jahren. In Sachen Fankultur hat Stuttgart also gehörigen Nachholbedarf.

„Fans im Abseits“

Am 21. Januar war das dann auch Hauptthema einer Veranstaltung mit dem Titel „Fans im Abseits – Keine Kohle für Fanprojekte im Ländle”, zu der die Landtagsfraktion der Grünen geladen hatte. Verschiedene Leiter von Fanprojekten, Vertreter aus Fangruppen, Kommunen sowie Kultus- und Innenministerium diskutierten über die Wichtigkeit von Fanprojekten zur sozialpädagogischen Betreuung von Jugendlichen aus der Fanszene. In inzwischen 33 Städten Deutschlands sind die Fanbetreuer und Sozialarbeiter der Fanprojekte aus der alltäglichen Fanarbeit nicht mehr wegzudenken. Konkrete statistische Erhebungen existieren in dieser Richtung zwar nicht, weshalb man auch keine zu großen oder falsche Erwartungen schüren sollte, trotzdem verwies der Karlsruher Sportbürgermeister Harald Denecken auf die Karlsruher Polizei, aus deren Sicht, das ansässige Fanprojekt „ein wichtiger Faktor in der Sucht- und Gewaltprävention sowie bei der Deeskalation” darstelle.

Ministerialrat Friedrich Maier hingegen verteidigte die seitherige, fehlende Unterstützung durch das Bundesland, das schon die Stadien mitfinanziere sowie die Kosten für die Polizei trage. Holger Weidelich, der Vorsitzende des Anhängerverbandes des VfB Stuttgart, ist da natürlich anderer Meinung und sieht das Land ebenso für die Sozialarbeit der Fans in der Pflicht. Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte bei der Deutschen Sportjugend unterstreicht die Wichtigkeit der Fanprojekte: „Dort wird beharrliche Arbeit für die Interessen der Fans geleistet. Die jungen Menschen werden von den Streetworkern betreut und gezielt gefördert.”

In Baden-Württemberg kommen aus Sicht der Grünen neben den Bundesligastädten auch Städte wie Freiburg, Ulm und Reutlingen für Fanprojekte in Betracht. Aus diesem Grund hatten die Grünen im Rahmen der Haushaltsberatungen auch einen Antrag über eine Förderung von Fanprojekten in Höhe von insgesamt 180.000 Euro gestellt, dem die CDU kurz vor der Diskussionsrunde zustimmte. „Das ist eine reine Reaktion auf unsere Veranstaltung”, so die sportpolitische Sprecherin der Grünen Ilka Neuenhaus. „Jetzt ist es an den Kommunen, die Initiativen ins Leben zu rufen und ihren Teil zur Drittelfinanzierung beizutragen, die Mittel des Deutschen Fußball-Bundes und der Deutschen Fußball Liga stehen bereit und warten darauf, abgeholt zu werden.”

Also spricht nichts mehr dagegen, auch in Stuttgart ein Fanprojekt aufzubauen. Hat auch lange genug gedauert. Ilka Neuenhaus dazu: „Eins zu null für die Grünen, und eins zu null für die Fanprojekte!”

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