Chelsea-Spieler sägen Trainer Scolari ab

Siegi Assfalg | 9. Feb. 2009 | 0 Kommentare
Wie schwer das Wort verdienter Spieler wiegen kann, vor allem in England, sah man wieder einmal am Montag Abend, als der FC Chelsea seinen Trainer Luiz Felipe Scolari – immerhin brasilianischer Weltmeistertrainer – mit sofortiger Wirkung als Teammanager entlassen hat. Bereits seit Wochen waren an der Stamford Bridge Gerüchte in diese Richtung kursiert. Ein kurzer Plausch von Boss Abramowitsch mit seinen Führungsspielern, und Scolari war die längste Zeit Chelsea-Coach gewesen.

Nach dem enttäuschenden 0:0 des FC Chelsea gegen Aufsteiger Hull City hatte Michael Ballack noch betont: „Das Verhältnis von Mannschaft und Trainer ist vollkommen intakt.“ Beinahe absurd, denn keine 48 Stunden später war Luiz Felipe Scolari bereits entlassen. Und für Insider des englischen Fußballs kam dieser Schritt nicht wirklich überraschend. Seit Wochen war es kein Geheimnis mehr, dass die Chelsea-Stars, allen voran Kapitän John Terry und Frank Lampard, die Führungsspieler des Londoner Klubs schlechthin, alles andere als zufrieden mit dem 60-jährigen ehemaligen Nationaltrainer Portugals waren. Aus anfänglichem Murren über zu schlaffes, abwechslungsloses Training („mal elf gegen elf quer über den Platz, mal längs“) war längst lautes Klagen über die Entscheidungen des Trainers bei Aufstellungen und Auswechslungen geworden.

Eine gar nicht so kleine Anekdote aus dem englischen Fernsehen verdeutlicht Scolaris Autoritätsverlust selten klar: Terry und Lampard sollen nach dem Spiel gegen West Ham United im Dezember (1:1) in der Kabine vor versammelter Mannschaft eine Erklärung von Scolari gefordert haben, warum er Michael Ballack nach 45 Minuten beim Stand von 0:1 ausgewechselt habe.

Danach versuchte Scolari zwar, seine in Frage gestellte Autorität zu restaurieren, indem er den formschwachen Stürmer Didier Drogba nur noch auf die Tribüne setzte, doch im Grunde war es schon zu spät. Was ist ein Trainer noch wert, wenn die wichtigsten Spieler über den Mangel an physischer und mentaler Frische klagen? Die Antwort lautet: Gar nichts.

Und seitdem sich auch die Fans in ungewohnt schneller Weise mit Transparenten gegen den Trainer wandten, war die Entlassung lediglich eine Frage der Zeit. Wahrscheinlich war das Scolari selbst auch klar: „Der Job bei Chelsea ist wie jeder andere, außer dem Wetter. [...] Ich mag Chelsea, die Leute, sogar die Presse, aber wäre ich in Kuwait oder Brasilien, wäre es genauso. [...] Ob ich meinen Job verliere oder nicht, ich werde derselbe sein. Und wenn ich ihn verliere, dann werde ich einen neuen finden.“

Wie der britische TV-Sender Sky berichtet, bedauert der Weltmeistercoach von 2002 die Entscheidung dennoch: „Ich bin dankbar dafür, dass ich bei Chelsea und im englischen Fußball arbeiten konnte. Es war eine wertvolle Erfahrung. Ich bedaure, dass es keine längere Zusammenarbeit war. Ich wünsche Chelsea Glück für die drei Wettbewerbe, an denen es noch teilnimmt“, heißt es in einem Statement Scolaris.

Vorerst wird Scolaris bisheriger Assistent Ray Wilkins das Training leiten. Wunschkandidat Abramowitschs für die Nachfolge soll der Niederländer und derzeitige russische Nationaltrainer Guus Hiddink sein. Auch über eine Rückkehr Avram Grants wird spekuliert; ist jedoch eher unwahrscheinlich. Der langjährige Chelsea-Spieler Gianfranco Zola, zur Zeit Trainer bei West Ham United, ist ebenfalls im Gespräch. Denkbar wäre allerdings auch ein Engagement Bernd Schusters (bis vor kurzem bei Real Madrid) oder Roberto Mancinis (ehemals Inter Mailand). Jedenfalls soll der Nachfolger „sobald wie möglich“ präsentiert werden.

Nachdem der FC Chelsea innerhalb des Finanzjahres mit José Mourinho und Avram Grant bereits zwei Trainer auf der Gehaltsliste gehabt hatte, rechneten trotz der klaren Signale aus dem Team nicht viele mit der sofortigen Entlassung, zumal Roman Abramowitsch im Zuge der Finanzkrise rund 18 Milliarden Euro verloren haben soll. Das Wort verdienter Spieler wiegt im Fußball jedoch mehr als jede Finanzkrise. Eine Millionen schwere Abfindung dürfte Scolari den Abschied nicht allzu schmerzhaft machen. Immerhin betrug sein Jahressalär 7,5 Millionen Euro.

Die offizielle Mitteilung des Clubs zur Entlassung Scolaris gibt’s auf der Homepage des FC Chelsea.

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