Das Phänomen Hertha BSC Berlin

Jona Ghebremariam | 18. März 2009 | 2 Kommentare
Ganz Fußball-Deutschland reibt sich verwundert die Augen: Nicht der große FC Bayern, nicht Werder Bremen und auch nicht Herbstmeister Hoffenheim führen die Tabelle an, sondern die „Alte Dame“ aus Berlin, die im Moment alles andere als alt wirkt.

Effizienz statt brotlose Kunst

Gründe für den Höhenflug der Berliner gibt es viele. Sicherlich profitieren die Spreekicker von der schwächelnden Konkurrenz, die sich immer wieder unnötige Punktverluste leistet. Doch es wäre ungerecht, den Berliner Erfolg einzig diesem Umstand zuzuschreiben. Der eigentliche Grund für den sportlichen Erfolg ist der Trainer, Lucien Favre: Der Schweizer trat in der Saison 2007/08 das Erbe von Falko Götz an, der nie den hohen Ansprüchen im schon fast traditionell unruhigen Berliner Umfeld gerecht werden konnte. Doch anders als seine meisten Vorgänger versprach Favre den Medien und den Fans keine Deutsche Meisterschaft, sondern bat um zwei bis drei Spielzeiten Geduld, um sein „System Favre“ der Mannschaft zu vermitteln.

Das System Favre

Jetzt, bereits nach 1 1/2 Jahren, ist seine Handschrift deutlich zu erkennen. Favre setzt auf ein funktionierendes Kollektiv, auf Spieler, die laufstark und bescheiden sind, und auf ein defensives Spielsystem, welches stark an die „kontrollierte Offensive“ von Otto Rehhagel erinnert. Folglich wurde der Kader stark verändert: Weitestgehend unbekannte Spieler wie Nicu, Raffael, Kacar und Cicero erwiesen sich genauso allesamt als absolute Volltreffer wie die erfahrenen Voronin und Drobny, wohingegen der launische sowie eigensinnige Pantelic einen Stammplatz auf der Bank inne hält. Auch die taktische Ausrichtung ist eine andere als zuvor: Die Berliner operieren aus einer kompakten Defensive um den starken Simunic und den überragenden Drobny heraus, schalten bei Ballgewinn blitzschnell um, und vorne hat Andrey Voronin im Moment den berühmten Lauf.

Für die Schale reicht es zwar noch nicht, aber...

...ein Platz unter den ersten 3 sollte in dieser Saison möglich sein. Die Elf verfügt über eine kompakte Abwehr sowie einen gefährlichen Angriff, der nur wenige Chancen für ein Tor benötigt. Allerdings scheinen die Bayern wieder in Tritt zu kommen, und auch das Restprogramm – mit nur vier Heimspielen, aber sechs Auswärtspartien – spricht gegen eine Meisterschaft in diesem Jahr. Doch gelingt es Favre, die Mannschaft zusammen zu halten und eventuell sogar punktuell zu verstärken, könnte die „Alte Dame“ eine ständige Vertreterin im europäischen Konzert werden.

Wer weiß, ob dann aus dem unbeholfenen Tänzer Favre vielleicht der Tanzbär Favre wird?

Kommentar Nr. 1
Didi | 19. März 2009 | 16:42
Wusste nicht, dass Hertha mit System spielt. Meiner Meinung nach ist der Bayern-Dusel in die Hauptstadt abgewandert. Die haben teilweise grottenschlecht gespielt und am Ende mit 1:0 gewonnen. Jetzt hängen sie oben drin und werden – richtig – bis zum Ende dabei bleiben. Aber auch richtig, dass die kompakte Defensive gepaart mit einem Topstürmer Erfolgsgaranten sind. Schön ist aber was anderes...
Kommentar Nr. 2
GOHL | 20. März 2009 | 08:32
Lieber Jona, die Stuttgarter Zeitung schreibt in ihrer heutigen Ausgabe (somit also zwei Tage später als Du) genau das Gleiche über die „Alte Dame“ Hertha BSC. Da sieht man mal: Mit Schmackes eben! In diesem Sinne und mit sportlichem Gruß.

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