Seit mehr als 2000 Jahren streckt der Mensch bisweilen seinen Mittelfinger aus, um Abneigung zu demonstrieren. Mehr noch, von der Mehrheit wird er, entsprechend entgegen gestreckt, als beleidigend oder obszön empfunden. Schon in der Antike galt er als „digitus impudicus“, als unzüchtiger Finger. Wie genau diese Geste ihren Ursprung fand, ist ungewiss; wahrscheinlich soll sie ein Phallus-Symbol darstellen, um den Gegenüber einzuschüchtern.
Die niederen Instinkte also. Kein Wunder, dass sich der „Stinkefinger“ auch in der Fußballhistorie einen Namen gemacht hat. Sozusagen über Nacht berühmt wurde er 1994 während der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, als er von einem anderen schlimmen Finger verwendet wurde: dem Effe. Stefan Effenberg fühlte sich von den eigenen Fans provoziert, so dass er ihnen seinen Mittelfinger entgegen streckte. Daraufhin schickte ihn der damalige Bundestrainer Berti Vogts direkt nach Hause.
Die eigenen Anhänger brachten auch HSV-Spieler Thimothee Atouba dazu, sich zu vergessen. Im Champions-League-Auftritt gegen den russischen Meister ZSKA Moskau 2006 wurde Atouba während der Begegnung von den eigenen Zuschauern ausgepfiffen und nach seiner Auswechslung außerdem mit rassistischen Sprüchen beleidigt. Daraufhin kam auch hier die Allzweckwaffe zur Verwendung: Der Stinkefinger. Von seinem Klub wurde er in der Folge für zwei Bundesliga-Spiele gesperrt und mit einer Geldstrafe belegt. Umso erstaunlicher war der Vorfall, da Atouba bis dato eigentlich Publikumsliebling gewesen war.
Nicht ganz so glimpflich ging’s 2008 in Brasilien zu. Dort wurde André Luís auf dem Platz von der Polizei verhaftet, nachdem er sich mithilfe des doppelten Stinkefingers mit den Zuschauern angelegt hatte. Zuvor war er noch in der ersten Halbzeit mit Gelb-Rot vom Platz geflogen und hatte auf dem Weg in die Kabine eine Flasche auf die Ränge geschossen. Als dann der doppelte Stinkefinger zum Einsatz kam, eskalierte die Situation. Sicherheitskräfte mussten einschreiten. Mit Schlagstöcken und Schutzschildern bewaffnet umzingelte die Polizei Luís und nahm den brasilianischen Spieler fest. Gegen Luís wurde von mehreren Zuschauern Strafanzeige erstattet. Zum ausführlichen YouTube-Video...
Der Hauch eines Stinkefingers versetzte zum Auftakt der Bundesliga-Saison 2009/10 die Fans des VfL Wolfsburg in Rage. Diese unterstellten nämlich Stuttgarts Keeper Jens Lehmann den zweimaligen Einsatz der verpönten Geste. Lehmanns Auslegung zufolge hatte er sich allerdings lediglich am Kopf gekratzt. Das Foto dieser Situation brachte letztlich aber auch keinen eindeutigen Aufschluss.
Dass der Stinkefinger durchaus einen Ruf erlangt hat, das zeigte sich auch in einer Broschüre, die der DFB im Vorfeld der Europameisterschaft 2008 für die Spieler der Nationalmannschaft ersonnen hatte. In jener Broschüre wurden die Akteure zu gutem Benehmen sowohl auf als auch außerhalb des Platzes angehalten. Dieser „Knigge“ für Lahm, Ballack und Co. beinhaltete auch die absoluten Tabus. An oberster Stelle? Na, wer wohl?!
Ja, auch der Weltfußballer Cristiano Ronaldo hat seine Erfahrungen mit dem unzüchtigen Finger gemacht. Dass er ein recht dünnes Nervenkostüm besitzt, weiß man mittlerweile; aber nur die wenigsten wissen, dass er im Dezember 2005 bei einem Champions-League-Spiel seines damaligen Klubs Manchester United bei Benfica Lissabon eben in jener Art ausfällig wurde, nachdem ihn die Zuschauer während der gesamten Begegnung ausgebuht hatten. Grund des Fan-Unmuts war schlicht und einfach die Tatsache, dass Ronaldo früher für den Stadtrivalen Sporting Lissabon gespielt hatte. Die UEFA sperrte den Portugiesen daraufhin für ein Europacup-Spiel. Die Geldstrafe von 6000 Euro hat er sicherlich bar im Portemonnaie gehabt.
Einen Riesenwirbel um einen Stinkefinger David Beckhams gab es bei der EM 2000. Im Anschluss an die verlorene Begegnung mit den Portugiesen (2:3) wurde Becks von englischen Fans aufs Übelste beleidigt, so dass auch er sich zum ausgestreckten Mittelfinger veranlasst sah. In diesem Fall verzichtete die UEFA jedoch auf mögliche Sanktionen, nachdem die Pöbeleien der Zuschauer publik geworden waren. Hier vereinigte die Reizfigur Beckham das gesamte Königreich hinter sich – trotz des Stinkefingers.
Der neuste Fall mit dem schlimmen Finger als Protagonisten, der die sonst ach so skandalfreie Schweiz über Nacht in die Schlagzeilen der Gazetten brachte: Der Mittelfinger des Massimo Busacca. Erstmals stand dabei ein Schiedsrichter im Mittelpunkt, immerhin FIFA-Referee und Leiter mehrerer Europapokal-Endspiele – der Pierluigi Collina der Schweiz sozusagen. Busacca hatte den Anhängern während des Pokalspiels zwischen dem Zweitligisten FC Baden und den Young Boys Bern (1:3) den Stinkefinger gezeigt, als er aus dem Young-Boys-Fanblock mit Sprechchören beleidigt worden war. Der Schweizerische Fußball-Verband sperrte den Unparteiischen deshalb für drei Spiele. Busacca entschuldigte sich am Tag darauf öffentlich für sein unsportliches Verhalten.
Seit Effe ist der Stinkefinger also auf der ganzen Welt zuhause, auf und neben dem Platz. Wenn das mal kein Vermächtnis ist... Und man kann getrost davon ausgehen, dass wir ihn nicht zum letzten Mal gesehen haben.














