Eine kleine Geschichte des Fußballs – Teil 1

Thorsten Gohl | 16. März 2010 | 4 Kommentare
Der Fußball ist in allen Punkten wie das Leben selbst: in den meisten Fällen nicht ganz rund. Die Dellen hat der Fußball sogar mit der Erdkugel gemein. Und beide fliegen durch den Raum – die etwas größere Kugel, auf der gespielt wird, lediglich etwas regelmäßiger als die etwas kleinere, mit der gespielt wird. Der Fußball ist im Grunde eine Nachbildung des Erdballs und hat seit ältester Zeit bei fast allen Völkern einen ganz besonderen Stellenwert. Grund genug, mal wieder einen kleinen Blick auf die Historie und Entstehung dieses grandiosen Sports zu werfen. Heute: Von den Ursprüngen auf allen Kontinenten bis zur Industriellen Revolution in England.

Eine chinesische Geburt

Sporthistoriker behaupten immer wieder, dass die Ursprünge des Fußballs im alten China lägen, schon geraume Zeit vor Christi Geburt. Dort gab es bereits vor 5000 Jahren ein Ballspiel mit dem Namen „Ts’uh küh“, das zuerst als Wehrertüchtigung und später als gesellschaftlicher Höhepunkt fungierte. Im Laufe der Jahrhunderte erhielt dieses Ts’uh küh einige strikte Regeln. Im Mittelpunkt stand natürlich der Ball, anfangs eine mit Stoff, Haaren und Federn ausgestopfte Lederkugel, später eine mit Luft gefüllte Tierblase. Während der Ming-Dynastie (1644-1911) geriet das Spiel jedoch immer mehr in Vergessenheit.

Von Pyramiden und Kautschuk-Bällen

Die Olmeken, die erste Hochkultur in Mittelamerika, siedelten sich vom mexikanischen Hochland bis nach El Salvador und Honduras an. Die Mutterkultur Mittelamerikas baute nicht nur die ersten Pyramiden, sondern entwickelte um 1300 vor Christus auch die erste Ballspielkultur auf jenem Kontinent. Das Spiel „Ulama“ (=Ballspielen) wurde mit einem massiven Kautschuk-Ball gespielt. Der Ball durfte nur mit der Hüfte, dem Gesäß oder dem Knie gespielt werden. Bei den Azteken hieß das Spiel „Tlachtli“. Im Laufe der drei Jahrtausende, in denen das Spiel betrieben wurde, variierte die Zahl der Spieler, das Aussehen und die Maße des Spielfelds sowie die Auswahl der Körperteile, mit denen das Spielgerät berührt werden durfte.

Ein platonisches Spiel?

Der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) schreibt von „Sphairomachien“ und empfiehlt diese Ballschlachten als vormilitärische Übung. Der Ball erschien hier als eine Art Waffenersatz. Spielfeld war die Rennbahn, auf der die Parteien im Kampf um den Ball übereinander herfielen. Trotz seines rauhen Charakters besaß dieses Spiel gewisse Regeln. Das Spiel galt zu dieser Zeit als Mannbarkeitsprüfung. Wer die Prüfung bestand, durfte den Ehrentitel „Sphaireis“ tragen, der ihn von den übrigen Ballspielern unterschied. Ein weiteres Ball- und Mannschaftsspiel der Griechen hieß „Episkyros“. Hier existierte erstmals ein Spielfeld, das Übereinstimmungen mit dem heutigen Fußballfeld aufweist. Einige Quellen beschreiben ebenso die Existenz von zwei Mannschaften mit je zwölf Spielern.

Römisches Rugby

Das römische Spiel „Harpastum“ enthielt bereits weitere Elemente des modernen Fußballs. Es war ein ziemlich rohes, aber auch sehr anspruchsvolles Spiel, bei dem Schnelligkeit, Technik und Intelligenz gefragt waren. Häufig kam es zu regelrechten Ringkämpfen um das Spielgerät, das geworfen und gefangen wurde, nicht aber mit dem Fuß gestoßen. Daher erinnerte das Spiel Harpastum eher an das heutige Rugby. Der Untergang des Römischen Reiches bedeutete nicht automatisch das Ende dieses Spiels. In einigen Gegenden existierte es auch weiterhin, in anderen wiederum ging es eine Verbindung mit neuen Spielideen ein.

Japanischer Fußball hohe Kunst?

Ein ähnliches Spiel mit dem Namen „Kemari“ war in Japan vor etwas mehr als 600 Jahren geläufig. Im Gegensatz zur chinesischen Fußball-Variante war Kemari kein Wettkampf mit Gewinnern und Verlierern, sondern eine reine Konzentrations- und Geschicklichkeitsübung der Aristokratie, möglicherweise auch Teil einer kultischen Zeremonie. Das Kemari erinnert an das heutige sogenannte Fußballtennis und ähnliche Jonglierübungen, mit denen der Umgang mit dem Ball geschult wird. In Kyoto wird es noch heute betrieben, vor allem im Adels- und Priestermilieu. Für sie ist Kemari kein reiner Sport, sondern eine hohe Kunst.

Der wilde Volksfußball

Die Franzosen nannten den Vorläufer des Fußballspiels „la saule“. Ganze Dörfer einschließlich der Geistlichkeit nahmen daran teil. Das Spiel begann, indem der Ball möglichst hoch über die örtliche Kirche geschossen wurde. Vom Spiel existierten mehrere Varianten. Ursprünglich war alles erlaubt.

In dieser Fassung lassen sich einige Parallelen zum englischen Folk Football oder Village Football ziehen, dessen Ursprünge bis ins 10. Jahrhundert zurück reichen. Das Spielfeld konnte aus der gesamten Stadt mit ihren Stadttoren oder Feldern, Wiesen sowie Wäldern zwischen zwei Dörfern bestehen. Häufig standen sich komplette Dörfer oder Stadtviertel gegenüber; gespielt wurde von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Volksfußball war bisweilen eine ziemlich brutale Angelegenheit. Schwere Verletzungen waren die Regel, vereinzelt kam es sogar zu Todesfällen. Da die Reisemöglichkeiten noch sehr eingeschränkt waren, handelte es sich bei den Spielen gewöhnlich um lokale Nachbarschaftsduelle. Der Begriff „Derby“ stammt vom berühmt berüchtigten Duell zwischen den Pfarrbezirken All Saints und St. Peter’s in Derby. Der Begriff findet noch heute Verwendung.

Italienische Glückskugeln

Die Geburt des Fußballspiels wird auch oft mit dem heutigen Italien in Verbindung gebracht, als die Medici-Herrscher das Geraufe um den Ball zum toskanischen Nationalsport erhoben, manchmal sogar als Mannschaftsführer aufliefen und die Bälle in ihrem Wappen gar zu den Glückskugeln des „Calcio“ verklärten. Da schon diente der Fußball zum Teil der politischen Macht und dem Geld. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich Calcio zu einem ausdifferenzierten Mannschaftsspiel, Spielgerät war ein luftgefüllter Lederball, das Spielfeld musste mindestens doppelt so lang sein wie breit. Der in Florenz praktizierte Calcio Fiorentino war eine gesellschaftliche Veranstaltung des Klerus und des Adels. Sogar einige Päpste sollen ihn gespielt haben. Bis heute erinnert jedes Jahr das historische Calcio-Spiel auf dem Platz vor der Kirche Santa Croce in Florenz an dessen mittelalterliche Ursprünge.

Das Mutterland des modernen Fußballs: England

In England gewann das Spiel mit dem Ball eine solche Beliebtheit, dass es im 14. Jahrhundert von König Edward II und später noch von drei weiteren Königen verboten wurde. In seiner Frühzeit war Fußball ein wildes Spiel. Einen Eindruck seines ursprünglichen Charakters kann man noch heute beim jährlichen Folk-Football-Spiel in Ashbourne, einem kleinen Dorf im Zentrum Englands, gewinnen, bei dem Hunderte von Dorfeinwohnern eine Mannschaft bilden.

Die Industrielle Revolution, die in England früher einsetzte als auf dem Kontinent, läutete das Ende des wilden Volksfußballs ein. Der war vornehmlich eine dörfliche Angelegenheit gewesen, und zu seinen Grundvoraussetzungen hatte die naturorientierte Zeiteinteilung der Agrargesellschaft gehört. So überlebte schließlich die Form des Fußballspiels, die dann in der Folge eine Reformation erfuhr, indem es mit einem strengen Regelwerk nach den Hausordnungen der englischen Zuchtschulen und Universitäten versehen wurde – und letztlich das Spiel hervorbrachte, das wir heute tatsächlich Fußball nennen.

Im zweiten Teil unserer kleinen Geschichte des Fußballs: Das neue Spiel geht um die Welt...

Kommentar Nr. 1
Cantona | 22. März 2010 | 11:50
Dieses Ulama ist ja der Hammer!
Kommentar Nr. 2
Manuel | 23. März 2010 | 19:33
Hallo Thorsten, vielen Dank für diesen Artikel, dass ist sehr cool mal etwas über die Wurzeln von Fußball zu erfahren, Background-Knowledge kann einem bei jedem Spiel zu ganz neuen Handlungen bringen. Gruss Manuel
Kommentar Nr. 3
Thorsten Gohl | 13. April 2010 | 14:21
Lieber Manuel. Es freut mich, dass mein Artikel Dir den Fußball-Sport in seinen rudimentären Ursprüngen etwas näher bringen konnte. Im zweiten Teil erfährst Du demnächst, wie sich dieses Ding in seiner mutierten Form auf der ganzen Welt ausbreiten konnte. In diesem Sinne und mit sportlichem Gruß. Thorsten.
Kommentar Nr. 4
Manuel | 11. Mai 2010 | 17:44
Ich danke dir sehr für die Informationen und freue mich schon sehr darauf. Gruß Manuel

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